Natürlicher Ausdruck

April 5, 2020

 

Schwule und andere Minderheiten sind wie kaum jemand anderer in der Gesellschaft gezwungen, aus den verkalkten Normen und Traditionen auszubrechen, wenn sie auch nur annähernd ihren wahren Ausdruck leben möchten.

 

Das stärkt die Persönlichkeit auf besondere Weise und es verbindet viele Menschen in diesem gemeinsamen Prozess.

 

Nicht zufällig gehört zu fast jedem Kennenlerngespräch unter Schwulen die Frage: „Und, wie war dein Coming-Out?“ Das Coming-Out gehört zu den prägendsten Erlebnissen einer schwulen Biographie und markiert eine Erfahrung menschlichen Lebens, die zutiefst heilsam ist – selbst wenn das Coming-Out katastrophal läuft und kein ‚schönes’ Erlebnis per se war.

Das Heilsame am Coming-Out ist die Tatsache, dass wir einen natürlichen Ausdruck, der vorher zurückgehalten und unterdrückt war, für uns in Anspruch nehmen und der Welt zeigen,

egal ob applaudiert wird oder nicht. 

Jeder Mensch trägt einen natürlichen Ausdruck in sich. 

Fast jeder Mensch in der Gesellschaft, ob schwul oder nicht, hält diesen ureigenen Ausdruck mehr oder weniger zurück. Die etablierten Bilder und Erwartungen legen fest, wie man sich als Frau, Mann, Mutter, Vater, Tochter, Sohn, Bruder, Schwester, Transgender, Ehefrau, Ehemann, Tante, Onkel, Oma, Opa, Nachbar, Deutscher, Türke, Muslim, Christ, ... zu verhalten hat. 

 

Es ist die Verantwortung jedes einzelnen zu entscheiden, sich diesen Bildern zu beugen oder sein Innerstes frei von diesen Idealen auszudrücken.

 

Warum sollte man sich denn überhaupt verbiegen?
Ist es nicht viel angenehmer, man selbst zu sein?
 

Die Gesellschaft belohnt, wenn wir uns anpassen.

Wir gehören dazu, sind Teil einer Gruppe. Wir bekommen eine Familie. Wir bekommen eine Identität, Sicherheit, Geld, Positionen, Macht, Anerkennung, Likes, Follower, Ruhm und so viel mehr.

 

All diese Belohnungen sind in dem Fall an die Bedingung geknüpft, dass ich mich an die Regeln der Gruppe, der Familie, der Identität, der Gesellschaft, der Industrie... halte. Und diese Sicherheiten werden von unserem Erziehungssystem als höchstes zu erreichendes menschliches Ziel dargestellt. 

Kein Wunder, dass fast alle diesen Sicherheiten hinterher laufen!

 

Es bildet sich Schicht über Schicht von Komfortzonen, die einem vorgaukeln, das Leben sei sicher. Der Komfort kann ein Dach über dem Kopf sein (also etwas landläufig als komfortabel Anerkanntes), aber auch etwas landläufig als eher unkomfortabel Angesehenes wie Versagen, Misserfolg und Leiden.

Ja! Auch Misserfolg und Leiden kann Komfort für Menschen sein, wenn dies sicherstellt, dass die Familie oder Gruppe dann nicht neidisch und eifersüchtig wird.

 

Und oft sind die Schichten von Komfort, die sich durch unseren Alltag ziehen, schon in unseren Teenager-Jahren zu verlockend, zu vielversprechend, als dass wir uns freiwillig aufmachten, wirklich wir selbst zu sein. ‚Pass dich an, und du gehörst dazu!’

 

Bei manchen Schwulen wird der Leidensdruck der Zurückhaltung und des sich Versteckens irgendwann zu groß und führt zum Coming-Out. Wir haben als nicht normkonforme Minderheit zuweilen mehr Druck und werden so aus dem komfortablen Nest der Angepasstheit katapultiert.

 

Das Coming-Out ist ein Aufblühen, das Berge versetzen kann und zeigt uns etwas ganz Grundsätzliches über das Menschsein:

Wir sind dazu geschaffen,

uns wahrhaftig auszudrücken.

Was aber passiert danach? Nach dem Coming-Out?

 

Bleiben wir dran an unserem Ausdruck und ziehen konsequent durch, was wir begonnen haben? Befreien wir uns tatsächlich von den Bildern, in deren Gefängnis wir sitzen?

 

Was ich in der schwulen Szene seit jeher beobachte ist, dass sich nach ein paar Anläufen des eigenen Ausdrucks die Daunendecke des Komforts bald wieder über uns ausbreitet. Zu verlockend sind auch die Bilder der schwulen Welt, das gemeinsam Anderssein, die Fetische, die Nischen, denen man sich zuordnen kann.

 

Wir haben uns ein Parallel-Universum erschaffen, quasi das schwule Abziehbild der schon kaputten Version einer Gesellschaft, die unseren wahren Ausdruck unterdrückt.

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