Tür #22 - eltern

December 22, 2019

 

 

Fortsetzung von Teil 20:

 

...

 

Mein Kind.

 

„Haben Sie Kinder?“

„Wie viele Kinder haben Sie?“

Dies ist die gängige Frage, wenn in Erfahrung gebracht werden soll, ob jemand ein Sorgerecht oder eine Sorgepflicht hat oder ob jemand bereits in seinem Leben ein Kind gezeugt hat.

Was steckt hinter diesem besitzanzeigenden Verb ‚haben’ in diesem Zusammenhang?

Und wäre die eigentliche Frage an dieser Stelle nicht: "Wen eltern Sie?" Denn wir alle eltern, ganz gleich ob wir leibliche Kinder haben oder nicht, sobald wir irgendjemandem im Leben eine Reflexion von Liebe bieten.

Die Frage 'Wen eltern Sie?' würde die Trennung zwischen Familien mit Kindern und allen anderen Menschen, die keine eigenen leiblichen Kinder haben wollen oder können, aufheben und die damit verbundene Diskriminierung beenden.

Gesellschaftlich gibt es eindeutige normierte Trennungen: eine Familie besteht aus Blutsverwandten, gewöhnlich aus Mutter, Vater und Kindern.

Erweiterung der Postmoderne: Eine Familie kann aus Mutter, Mutter oder Vater, Vater und Kindern bestehen, aus Vater, Mutter und den Kindern vom Vater und den Kindern der Mutter, leiblich oder adoptiert usw.

Das Grundprinzip bleibt: ein Set aus Eltern und die dazugehörigen Kinder ergibt eine Familie.

 

Aus dem so definierten Begriff der Familie ergibt sich, für welche Kinder man Verantwortung trägt und für welche nicht: eine glasklare Trennung von Sorgerecht, bzw. Sorgepflicht. Ich erziehe mein Kind. Du erziehst dein Kind. Die Nachbarin erzieht ihr Kind. Die Adoptiveltern erziehen ihre Kinder. 

 

Wir benutzen Possessivpronomen (besitzanzeigende Wörter wie ‚mein’, ‚dein’, ‚sein’, ...) und das Verb ‚haben’ in diesen Zusammenhängen, ohne mit der Wimper zu zucken. Diese Tatsachen sind gesellschaftlich normiert. So ist das. Es wird nicht hinterfragt. Es steht auch so im Gesetz.

Wir wollen das auch so!

 

Was aber, wenn es nicht so wäre?

Begegnen wir dem Menschen, dem Kind, wenn wir es als ‚unseres’ ansprechen, anschauen und erziehen?

Welche Folgen hat es für das Kind, wenn es in eine Welt hineinwächst, in der klar definiert ist, wem es gehört?

Das Kind lernt ja von Tag 1 an, es gehört zu den Müllers, nicht zu den Peters. Es gehört zu den Kölnern, nicht zu den Düsseldorfern. Es gehört zu den Deutschen, nicht zu den Niederländern. Es gehört zu den Europäern, nicht zu den Afrikanern. Es gehört zu den Weißen, nicht zu den Schwarzen. Es gehört zu den Katholiken, nicht zu den Protestanten. Es gehört zu den Christen, nicht zu den Juden.

Auf diese Weise ist all unsere globale Trennung entstanden: unsere Länder, Nationen, Sprachen, Kulturen, Religionen...

 

Wenn Sie genau hinschauen, pflegen wir so seit Jahrtausenden die Geburtstätte für unsere Seuchen wie Diskriminierung, Komplikation, Krieg ..

Diese globale Komplexität beginnt

im Mikrokosmos unserer juristisch definierten Familie.

Auf dem Boden dieses Besitzanspruches an das "eigene" Kind haben wir beispielsweise den Begriff und die dazugehörige Realität der „allein-erziehenden Mutter“ mit all den damit verbundenen komplexen Herausforderungen kreiert.

 

Einige weitere Blüten dieser Pflanze sind folgende Phänomene:

„Du bist nicht meine Mama, du darfst mir gar nichts verbieten.“

Vater zur Mutter: „Das Verhalten hat er von dir, er ist dein Sohn.“

Vater zu Sohn: „Du bist nicht mehr mein Sohn.“

Sohn zum Stiefvater: „Du bist nicht mein Vater.“

„Ich erziehe mein Kind so, wie ich das will.“

„Ich will doch nur das Beste für mein Kind.“

Mein Kind soll alles haben, was ich selbst als Kind nicht haben konnte.“

„Ich kaufe meinem Baby die Kleidung, die mir gefällt.“

„Ich führe mein Kind an die Hobbies heran, die ich selbst gerne mache.“

„Ich erziehe mein Kind christlich / muslimisch/ ...“

„Ich dulde das bei meinem Kind nicht, wir sind die Müllers, so was gibt es bei den Müllers nicht. Wenn das einer von den Peters macht, kann es mir egal sein.“

Mein Kind wurde mir genommen.“

Nicht zufällig heißt es in der Psychologie, der größte Schmerz, den ein Mensch erleben kann, sei der Verlust des eigenen Kindes.

Warum ist das so?

Warum sind diese Phänomene für uns so selbstverständlich und akzeptiert?
Warum halten wir hier nicht inne und fragen uns, ob auch hier vielleicht etwas nicht stimmt?

 

Rund um das Phänomen des ‚eigenen’ Kindes winden sich unzählige Konflikte. Die Konflikte beginnen im Mikrokosmos der Kernfamilie bei Erschöpfungsphänomenen der Eltern und erstrecken sich bis zum Makrokosmos unserer sich bekriegenden Völker, Rassen und Glaubensgruppen.

 

Was wäre, wenn mein Kind eigentlich allen gleichermaßen gehört? Oder niemandem? Nur sich selbst? ...

 

Wie sähe die Beziehung zwischen Eltern und Kind aus, wenn die Eltern im Bewusstsein lebten, das Kind gehöre ihnen nicht?

Wie sähe Eltern aus, wenn wir uns die Verantwortung zum Eltern alle gleichermaßen teilten?

Wie sähe das Eltern in einem Dorf aus, wie in einer Stadt?

Was bedeutete das für unsere Schulen?

Was bedeutete das für unsere Arbeitsstätten?

Und wie sähe Altern und Altenpflege aus, in einem Dorf, in der Stadt, wenn wir zurückfänden zum wahren Verständnis von Eltern?

 

 

...Fortsetzung folgt!

 

 

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