Tür #16 - eltern

December 16, 2019

 

 

Fortsetzung von Teil 14:

 

...

 

Alles rund ums Strafen.

 

Auf den folgenden Seiten spreche ich in diesem Zusammenhang vermehrt von 'Kindern', weil die meisten Menschen mit diesem Thema im Zusammenleben mit Kindern konfrontiert sind. Sie können jedoch genauso an jeder Stelle das Wort 'Mensch' für 'Kind' einsetzen, es ist das gleiche. Egal ob Erwachsener oder Kind, es schlägt das gleiche Herz in uns.

 

Vom Rohrstock bis Laisser-faire haben wir im Laufe der Geschichte bis heute wohl alles Erdenkliche an unseren Kindern und an einander ausprobiert.

 

Woher soll man denn wissen, welche Haltung rund ums Thema Strafen die richtige ist?

 

Für viele ist das Thema Strafen ein rotes Tuch.

Zur Zeit befinden wir uns in einer Phase der Geschichte, in der Strafen eher „out“ ist. Zu anderen Zeiten war es das A und O der Erziehung.

An Stelle des Strafens ist heute die positive Verstärkung getreten: Das Kind wird dafür belohnt, wenn es etwas gut gemacht hat oder wenn es sich nicht schlecht verhalten hat. Viele Erwachsene fühlen sich damit heute wohler als mit der Idee von Stubenarrest oder Süßigkeiten- oder Computerspielverbot.

 

Schauen wir uns das positive Verstärken einmal genauer an. Welche Botschaft vermitteln wir dem Kind mit der Erfahrung, etwas Schönes zu bekommen, wenn es etwas richtig und gut gemacht hat?

Wir vermitteln dem Kind die Erfahrung, dass wir es darüber definieren, was es tut.

Das Kind lernt, sich über sein Handeln zu definieren.

Gute Handlung – es erlebt etwas Schönes.

Schlechte Handlung – es erlebt nichts Schönes.

 

So weit so gut.

 

Schauen wir uns das Strafen einmal genauer an. Welche Botschaft vermitteln wir dem Kind mit der Erfahrung, bestraft zu werden, wenn es sich schlecht benommen hat?

Wir vermitteln dem Kind die Erfahrung, dass wir es darüber definieren, was es tut.

Das Kind lernt, sich über sein Handeln zu definieren.

Schlechte Handlung – es erlebt etwas Unangenehmes.

Gute Handlung – es erlebt nichts Unangenehmes.

 

Haben Sie es bemerkt?

 

Das Kind lernt das Gleiche.

Im einen Fall ist es eine gute Erfahrung oder das Ausbleiben der guten Erfahrung.

Im anderen Fall ist es eine schlechte Erfahrung oder das Ausbleiben der schlechten Erfahrung.

Für die Psyche ist es die gleiche Dynamik, beide Erfahrungsbandbreiten werden auf der gleichen Skala registriert. Im einen Fall weiter links auf der Skala, im anderen Fall weiter rechts.

Das Kind lernt, dass seine Handlungen bestimmen, ob es gute oder schlechte Erfahrungen in der Gesellschaft macht. Es lernt, sich darüber zu erfahren, was es tut. Es verlernt, sich darüber zu erleben, wer es ist.

Wenn das passiert, haben wir als Gesellschaft unseren wahren Auftrag verpasst. So schön das Konzept des positiven Verstärkens auch auf den ersten Blick klingt, ist es sogar noch zerstörerischer als das Strafen selbst.

Beim bestraft Werden registriert das Kind, dass hier etwas passiert, was nicht Liebe ist. Es ist sich einer Verletzung bewusst und sucht möglicherweise Hilfe oder später als Erwachsener Therapie.

Beim belohnt Werden registriert das Kind keine Verletzung, obwohl es die größte Verletzung erfährt, die ein Mensch erleben kann: über sein Handeln identifiziert zu werden. Auch dieses Kind fühlt, dass etwas nicht stimmt, weil es nicht gesehen wurde in seiner Essenz, aber zweifelt die eigene Empfindung an, weil es sich keiner Verletzung bewusst ist. Der Verletzung, nicht gesehen zu werden, gesellt sich das subtile Muster von Selbstzweifeln hinzu, was den Schritt zur Heilung erschwert.

In beiden Fällen wird das Kind nicht gesehen, d.h. es entsteht Verletzung. In beiden Fällen besteht ein Mangel von Liebe und wahrer Begegnung. Beide Erfahrungen bedürfen eines Heilungsweges, bei positiver Verstärkung ist der Heilungsweg deutlich länger und schwieriger.

 

...Kommt es ihnen bekannt vor, süchtig nach Belohnung zu sein? Die verdiente Zigarette danach, das verdiente Stück Schokolade, der verdiente Feierabend, der verdiente Urlaub, die verdiente Anerkennung, die verdiente Dankbarkeit... Oh - und wehe das "Dankeschön" bleibt aus und stattdessen wird man möglicherweise kritisiert!

 

Dies mag befremdlich klingen, da es in unserer Gesellschaft so normal ist, über das Handeln identifiziert zu werden - und sich selbst über sein Handeln zu identifizieren.

Unsere Gesellschaften weltweit funktionieren so. Wir werden gemocht oder abgelehnt aufgrund dessen, was wir gemacht haben.

 

Und wir mögen uns selbst oder lehnen uns selbst ab aufgrund dessen,

was wir gemacht haben.

Wir werden angestellt oder gefeuert aufgrund dessen, was wir geleistet haben.

 

Wie freuen sich die Erwachsenen darüber, wenn Kinder das erste Wort sprechen, das erste Mal stehen oder gehen? Wir klatschen Beifall, fotografieren und filmen das Ereignis und verpassen, was das Kind eigentlich in dem Moment lernt: Was es tut, beeinflusst, wie sehr es gemocht wird oder nicht.

Denn genauso wie es den Beifall der Erwachsenen registriert, registriert es auch die Enttäuschung, wenn es den normierten Erwartungen nicht entspricht.

 

Wenn unsere Kinder nicht die Präsenz wahrer Liebe erfahren, beginnen sie irgendwann, ihr Verhalten zu kalibrieren entsprechend der Normen und Ideale, die jeweils herrschen.

 

Wenn lange genug normal ist, dass sich Menschen über ihr Handeln identifizieren, sind wir so daran gewöhnt, dass wir es nicht mehr hinterfragen.

 

Wenn Erziehung das geleistet hat, war sie aus Sicht der Gesellschaft erfolgreich. Wir sind dann Wesen, die davon abhängig sind, wie die Gesellschaft unser Handeln bewertet.

Wir sind dazu dressiert, uns nach Anerkennung zu sehnen und Ablehnung zu vermeiden.

Das macht uns zur perfekten Marionette. Der Gesellschaft ist dabei egal, ob das Ziel durch positive Verstärkung oder Bestrafung erreicht wurde.

 

 

...Fortsetzung folgt!

 

 

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