Tür #14 - eltern

December 14, 2019

 

 

Fortsetzung von Teil 12:

 

...

 

 

Was stünde auf dem Banner?

 

Antwort: Da stünde: „Trauma ist eine Reaktion des Kindes darauf, dass Menschen in ihrem Umfeld nicht leben, wer sie sind.“

 

Ja, Sie lesen richtig. Trauma hat nichts mit der Realität der Verletztung und dem klassischen Verständnis von Täter und Opfer zu tun.

 

In unserer menschlichen körperlichen Realität gibt es Anstandslosigkeit und Respektlosigkeit. Die Bandbreite dieser Verhaltensweisen reicht von leichten Delikten, die sich möglicherweise nur gedanklich abspielen bis zu kaltblütigster körperlicher Schändung und Volksverbrechen. Dem Erfindungsreichtum an Greueltaten sind offenbar im Laufe der Geschichte noch keine Grenzen gesetzt worden.

Jede dieser Verhaltensweisen braucht Konsequenz und Grenzen. Das Opfer muss aus der Gefahrenzone befreit werden und braucht unmittelbar Hilfe. Dem Täter müssen Grenzen und Konsequenzen gesetzt werden. Auch er braucht unmittelbare Hilfe, dieses Verhalten nicht zu wiederholen. Eine solche nötige Hilfe für Täter ist manchmal der Freiheitsentzug in einer Haftanstalt.

Doch all diese notwendigen und zum Teil lebensrettenden Schritte berühren nicht die Ebene, auf der Trauma entsteht oder geheilt werden könnte.

Trauma resultiert aus einem Mangel an Akzeptanz, dass andere Menschen einen freien Willen haben. Trauma resultiert aus dem Versuch, den freien Willen anderer Menschen zu kontrollieren und ist eine Wunde, die ich zunächst nur mir selbst zufüge.

 

Die äußerlich sichtbare Erfahrung selbst ist nicht traumatisch. Wir lassen uns in unserem Erkenntnisprozess vor allem durch unsere 5 Sinne fehlleiten und interpretieren den Schmerz des Kindes als eine Folge dessen, was der Täter dem Opfer zufügt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich ist es ein Verbrechen, wenn ein Täter zum Täter wird und Missbrauch stattfindet. Zu Recht gibt es Gesetze, die für ein Verbrechen Konsequenzen festlegen. Jeder Täter wird früher oder später diese Verantwortung tragen müssen und jedes Opfer hat das Recht auf Heilung und alle dazu nötige Unterstützung. Es gibt sowohl Täter als auch Opfer, dies ist eine menschliche Realität, die Ernst genommen und behandelt werden muss. Diese „erste Hilfe“ ist lebenswichtig, und noch mal in aller Deutlichkeit: Wenn Sie selbst Täter und / oder Opfer sind, haben Sie Bedarf und Recht zu diesem Teil des Heilungsweges.

 

Was wir uns anschauen, macht diesen ersten Teil, das sich Kümmern um eine sehr reale Verletzung, nicht überflüssig. Was wir uns im folgenden anschauen, ist der Teil, der meistens im Rahmen der Traumaheilung vernachlässigt wird. Es ist aber der entscheidende Teil, um Trauma wirklich in aller Tiefe zu heilen und wieder zurück zu wahrer Selbstliebe zu finden.

Für das Kind gibt es zunächst keinen Täter und kein Opfer.

Das Kind weiß, wer es ist, nämlich Liebe. Registriert das Kind Lieblosigkeit in seinem Umfeld, fühlt es zunächst Spannung – noch kein Trauma. Das Kind weiß, dass es ein freier Entschluss der anderen ist, sich gegen die Liebe zu entscheiden, mit der es selbst noch verbunden ist. Wenn das Kind diesen freien Willen der anderen nicht akzeptiert und in ihm das Bild herrscht, alles solle Liebe sein, erlebt es Schmerz. Das ist die eigentliche Wunde unter allem anderen, das auch der Heilung bedarf.

 

Selbst wenn die menschliche Existenz auf der Erde der einzige Ort im Universum ist, an dem sich Lebewesen gegen Liebe entscheiden, ist und bleibt eine solche Entscheidung im Rahmen eines universellen Gesetzes: Das Gesetz des freien Willens.

 

Die Erwartung des Kindes, dass sich alle in seinem Umfeld in Verbindung zu Liebe bewegen sollen, ist in sich eine Trennung von Liebe. In dem Entschluss, das Bild (alles soll Liebe sein) zur eigenen Erwartung zu machen, liegt das Trauma, eine Erschütterung. Die Erschütterung ist im tiefsten Inneren, weil es ein Entschluss ist, der sich gegen das universelle Gesetz des freien Willens und damit gegen Liebe und damit gegen sich selbst richtet.

 

Der Grund, warum wir auf diese Erinnerung nicht zugreifen, ist Verantwortungslosigkeit. Würden wir uns an diesen Entschluss erinnern, hätten wir wieder Bewusstsein darüber, dass wir selbst verantwortlich für unsere Handlungen und Gefühle sind. Nicht die Täter. Nicht die Eltern. Nicht die Lehrer. Nicht die Gesellschaft. Nicht der Staat usw.

 

Nur wir selbst.

 

Bevor Sie sich empören ob der Kühnheit dieser Behauptungen, weil Sie vielleicht (wie ich) in ihrer Vergangenheit Missbrauch erlebt haben und sich fragen, warum ein Opfer Verantwortung tragen soll... stellen Sie sich folgende Frage:

Wenn Sie selbst für ihr Trauma verantwortlich sind,

von wem ist ihre Heilung dann abhängig?

Möglicherweise nur von ihnen selbst?

Nicht mehr vom Täter?

Das wäre Freiheit.

Wahre Freiheit vom Täter.

 

Vorausgesetzt ist hierbei: die bedrohliche Situation ist beendet und eine Wiederholung der Tat unmöglich gemacht. Dies ist, ich kann es nicht oft genug wiederholen, die (oft lebensrettende) Bedingung.

Und die Eigenverantwortung des Traumatisierten bedeutet nicht, dass er sich jetzt alleine um seine Wunde kümmern müsste. Weit gefehlt: Wir brauchen einander zum Heilen, niemand kann das alleine schaffen.

 

Bevor Sie diese Theorie vom Tisch wischen, lassen Sie die Größe dessen wirken, was Sie gerade gelesen haben.

Ein Heilungsprozess, der nicht vom Täter abhängig ist. Wäre das nicht eine Revolution der Traumaheilung?

Ein Heilungsprozess, der vom Opferbewusstsein befreit.

 

Die Freiheit des Opfers hängt nicht davon ab, ob der Täter benannt werden kann, noch ob er seine Schuld einsieht oder gar sein Verhalten ändert. Selbst wenn ein Täter dies täte, bliebe das Opfer Opfer, denn es bliebe für immer abhängig vom Bekenntnis oder Handeln des Täters. Was für eine Machtposition der Täter damit für immer behielte. Dies ist keine Heilung. 

 

Heilung kommt durch das Beenden des Opferbewusstseins.

Die Verantwortung und damit Heilung ist, an die Stelle des Entschlusses zurückzugehen, auf die Menschen in unserem Umfeld zu reagieren.

Heilung ist, das Bild loszulassen,

wie andere Menschen zu sein haben

und mit ihrem freien Willen umzugehen haben.


Diese Haltung der Eigenverantwortung und Reaktionslosigkeit geht wie Brüder Hand in Hand mit dem Bewusstsein von Konsequenzen. Eigenverantwortung und Konsequenzen können ohne einander nicht sein.

 

 

Ende des Exkurses.

 

 

...Fortsetzung folgt!

 

 

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