Tür #10 - eltern

December 10, 2019

 

 

Fortsetzung von Teil 8:

 

...

 

Wie Trauma entsteht und wie man es heilt.

 

Auch über das Thema „Heilung“ streiten sich die Geister.

 

In unserer therapeutischen Ausbildung hieß es immer scherzhaft: „Ach, du hattest eine Kindheit? – Du Armer!“

 

Bis heute hat sich das Grundverständnis in der Psychologie gehalten, dass unsere Schwierigkeiten, Neurosen, Persönlichkeitsstörungen, Ticks, Psychosen, Angewohnheiten, Vorlieben, Abneigungen, Süchte etc. in unserer Kindheit und / oder in unseren Genen begründet liegen. Manches davon ist heilbar oder korrigierbar, manches nur medikamentös einstellbar.

 

Über diese Tatsachen gibt es ein grundsätzliches Einvernehmen. Gestritten wird natürlich darüber, welche Methode die richtige ist, welche Kindheitsphase was bedeutet und welche kindlichen Bedürfnisse wann und wie befriedigt werden müssen, dürfen oder nicht befriedigt werden dürfen.

In all diesen Jahrhunderten „wissenschaftlicher Diskussion“ haben wir als breite Öffentlichkeit nicht in Frage gestellt, was uns die Psychologie als Lösungen bis heute vorsetzt, obwohl es heute mehr Psychiater und Psychotherapeuten und mehr psychisch Kranke jeden Alters gibt als je zuvor.

Ein Ende dieser steigenden Zahlen ist nicht in Sicht – im Gegenteil: Die statistischen Prognosen weisen alarmierend darauf hin, dass eine Finanzierung unseres Gesundheitssystems in Zukunft nicht gewährleistet ist.

 

Es stellt sich die Frage, was hier möglicherweise grundsätzlich nicht stimmt, wenn wir als Gesellschaft unsere mentale und auch körperliche Gesundheit trotz aller modernen Mittel immer weniger im Griff haben?

 

Die Antwort ist schlicht und ebenso konfrontierend.

 

Die psychologischen Erklärungsmodelle entbinden uns von großen Teilen unserer Verantwortung: Die Kindheit sei schuld, die Gene, der Vater, die Mutter, der Lehrer, das Trauma...

 

Viele Menschen tragen einen bewussten oder zumindest unbewussten Schuldkomplex, fühlen sich leicht schuldig und ungenügend und tragen daher jede Menge Verantwortung, welche gar nicht die eigene ist. Da ist eine große Erleichterung, wenn es in der Therapie heißt: „Du bist nicht schuld. Du darfst Schuld und Verantwortung abgeben.“

Wenn ein Behandlungsmodell jedoch von Eigenverantwortung spricht, fühlen sich viele abgestoßen, weil es in die Kerbe schlägt, sowieso zu viel Verantwortung zu tragen, sich sowieso schnell schuldig für alles Mögliche zu fühlen. Natürlich wendet man sich lieber Modellen zu, die nicht den Eigenverantwortungs-Zeigefinger heben.

So entstand im Laufe der Geschichte eine ganze Wissenschaft, die Psychologie, ein Berufszweig und eine dazugehörige Industrie, die ein Monopol auf der heute anerkannten Lehrmeinung halten – auf einer Lehrmeinung, welche uns von großen Teilen unserer Verantwortung entbindet.

Es steckt ein zerstörerischer Mechanismus hinter diesem Monopol.

 

Sowohl altertümliche wie moderne Erziehungssysteme prägen uns mit dem Bewusstsein, nicht genug zu sein und uns darüber zu identifizieren, was wir leisten: höher, weiter, schneller, besser... Die Erziehungssysteme sind damals wie heute voll von Bildern und Erwartungen, die wir Menschen niemals erreichen können. Das daraus erwachsene Ungenügend-Sein- und Schuld-Grundgefühl macht abhängig von Bestätigung und Anerkennung durch äußere Instanzen. Der so Erwachsene ist ein gefälliger Folgsamer von Institutionen, die ihm Anerkennung und Sicherheit schenken und scheinbar von Schuld erlösen (die Kirche durch Schuldenerlass, der Staat durch Machtpositionen und Einfluss, Industrie durch Reichtum, Schulsystem durch gute Noten, die Nahrungsmittelindustrie durch ein gutes Gefühl in Mund und Bauch etc.). Wenn dann Burnout und Depression der Funktionalität ein Ende setzen, warten Psychologie und eine Kaskade von Therapiemöglichkeiten, die wiederum von den vorher kreierten Schuldgefühlen und zu viel Verantwortung befreien.

 

In diesem Mechanismus übersehen wir eine entscheidende Lüge, und eine entscheidende Wahrheit:

 

Die Lüge: Schuld.

Es gibt keine Schuld. Das Schuldkonzept ist ein gigantischer erlogener Koloss, der einem einzigen Zweck dient: Menschen zu entmündigen und folgsam zu machen.

Es gibt ebenso keine Vergebung.

Schuld und Vergebung sind zwei Seiten des selben Kolosses, der eine Lüge ist. Schuld und Vergebung ist ein Konzept, dass sich selbst am Leben erhält, während es ewige Trennung schafft zwischen Tätern und Opfern, und Ebenbürtigkeit und damit wahre Heilung verhindert.

Die Wahrheit:

Verantwortung ist der Schlüssel zu Liebe.

(Eigen-)Verantwortung ist etwas zutiefst Heilsames, Leichtes und Vitalisierendes.

 

Verantwortung für sich zu übernehmen ermächtigt sowohl Täter als auch Opfer und beendet uralte Fesseln der Abhängigkeit. 

 

 

...Fortsetzung folgt!

 

 

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