Tür #7 - eltern

December 7, 2019

 

 

Fortsetzung von Teil 5:

 

...

 

Der erste Schultag beginnt mit der Einheit „Selbstfürsorge“.

Wie sorge ich für mich selbst?

 

Vielleicht ist die Schule gut ausgestattet und es gibt einen Medienkoffer: Dann dürfen Sie in Kleingruppenarbeit Brainstorming betreiben und auf bunten Notiz-Zetteln zusammentragen, was ihnen zum Thema Selbstfürsorge einfällt.

 

Und wenn der Referent wirklich Selbstliebe lebt, würde er von der Pinnwand alle Zettel einsammeln und entsorgen, die mit „sich etwas gönnen“ zu tun haben. (Ich gönne mir ein Eis, neue Klamotten, einen tollen Urlaub, eine Auszeit etc.)

 

Nein. Selbstfürsorge hat nichts – gar nichts, mit „sich etwas gönnen“ zu tun.

 

Ob wohl noch Zettel an der Pinnwand übrig blieben?

 

„Mein Körper steht an erster Stelle.“ – mehr bräuchte nicht an der Pinnwand zu hängen.

Malen Sie sich ihr Leben mit allen Herausforderungen aus, die es gerade hat, und stellen Sie sich vor, wie es aussähe, würden Sie es nach diesem einen Wert leben: „Mein Körper steht an erster Stelle.“

Wenn Sie dieses Gedanken-Experiment ganz ehrlich machten, wäre da noch Anstrengung in ihrem Leben erkennbar?

 

Stellen Sie gerne in Frage, was Sie gerade lesen. Es sollte doch in ihnen kochen bei solchen Behauptungen: Mein Körper steht an erster Stelle?

Welche Mutter würde denn ihr Kind weinen lassen, um zuerst sich selbst satt zu essen?

Welcher herzlose Mensch kann so etwas schreiben?

Mein Körper zuerst?

 

Stellen Sie sich noch folgende klassische Situation vor:

Es ist Winter. In der Schule fehlt die Hälfte der Klasse. Grippewelle. Ihr Kind hat es erwischt, Sie selbst auch. Während Sie noch fiebern, fängt Kind 2 an zu schwächeln, ihr Partner macht Überstunden im Büro. Also der ganz normale Familien-Alltag.

So. Jetzt noch mal: Mein Körper zuerst. Das hieße, ich würde mich zuerst um mich selbst kümmern? Und meine beiden kranken Kinder?

Sagt dieser Autor, dass es Liebe sei, meine kranken Kinder zu vernachlässigen, bis ich mich wieder bei Kräften fühle?

 

Was würde denn die Liebe antworten?

 

Die Liebe würde antworten:
„Natürlich kümmere ich mich verantwortungsvoll um beide kranken Kinder und stelle sicher, dass beide unmittelbar mit allem versorgt sind, was sie zur Gesundung brauchen.

Auch wenn das bedeutet, dass ich mich nachts fiebernd und erschöpft ins Kinderzimmer schleppe.

 

Aber sobald mein Kopf wieder freier ist, werde ich alles tun, um sicherzustellen, dass sich diese Situation nie wiederholen wird. Ich werde mich ehrlich fragen, an welchen Stellen ich die Warnzeichen meines eigenen Körpers überhört habe, und in Zukunft früher auf den Körper hören.“

 

Der letzte Teil ist wichtig:

Wenn wir beginnen, Selbstliebe in unserem Alltag zu etablieren, starten wir meist von einem Alltag aus, dem viele Jahre Selbstliebe fehlen. Natürlich werden unzählige Situationen auftauchen, die nicht perfekt lösbar sind, wie unser obiges Beispiel zeigt.

Es geht weder um Perfektion noch darum, ein verantwortungsloser Mensch zu werden, der nur an sich selbst denkt.

Der Schlüssel zu dem Satz „Mein Körper zuerst.“ ist das Wörtchen „zuerst“.

Wenn ich „zuerst“ für meinen Körper sorge, aktiviere ich eine Intelligenz, die größer ist als unser von westlichem Denken geprägtes Vorstellungsvermögen es fassen könnte.

 

Für meinen Körper zu sorgen hat unermessliche Ausmaße.

 

Stellen Sie sich vor, Sie seien abends müde. Es ist Samstagabend, 20 Uhr. Der Babysitter klingelt. Die Sommergrillparty bei ihrem besten Freund steht an. Sie haben sich schon die ganze Woche über auf die Party gefreut, aber jetzt sind Sie müde.

Was tun Sie?
Morgen können Sie ausschlafen. Also jetzt eben 1 Käffchen hinter die Binde kippen, aufraffen, und los zur Party?

 

Oder den Babysitter nach Hause schicken, dem besten Freund absagen und ab ins Bett?

 

Nächster Morgen, Sonntag, 5.30 Uhr: Es klopft an der Tür. Kind 1 und 2 sind schon wach, haben sich um Spielzeug gestritten, Kind 2 weint. Wollen zu ihnen ins Bett.

Mit welchem Körper wachen Sie auf?

Mit Schädel?

Oder ausgeschlafen und ausgeruht?
Malen Sie sich selbst aus, wie die beiden Sonntage wohl verlaufen würden je nach dem, wie Sie sich am Abend zuvor entschieden haben.

 

Und Sie ahnen vielleicht schon, warum dieses Buch kein Best-Seller werden wird und warum Selbstliebe (und damit Liebe) kein Unterrichtsfach an unseren Schulen ist.

 

Wer hat denn Bock, nach einer vollen Arbeitswoche und jeder Menge Alltags-Streß am Samstag Abend abzusagen, was das Licht am Ende des Tunnels war?

Wenn Sie nicht auf Grillpartys stehen, ersetzen Sie ‚Grillparty’ mit allem, was für Sie Belohnung ist! Schokolade zum Beispiel...

Das Selbstliebe-Monster mit seiner unerbittlichen Aufforderung nach Eigenverantwortung lauert ja überall, wo man sich etwas gönnen wollte:

Der Tag vorm Fernseher mit der Lieblings-Serie, das Wochenende mit den Kumpels oder Mädels unterwegs, der Feierabend-Drink, der morgendliche Shot Kaffee – wenn Sie bei alledem wirklich auf ihren Körper hören würden und ihn fragten, was er gerade wirklich braucht, wie oft würde ihr Körper anders entscheiden als Sie?

 

Ehrlich gesagt: sehr sehr oft, oder?

 

Aber ganz ehrlich – Selbstliebe ist gar nicht so schwierig, wie es im Alltag oft scheint.

 

Selbstliebe hat eine eigene Intelligenz.

Wenn wir uns ehrlich an Selbstliebe wagen wollen, haben wir eine Intelligenz zur Seite, die viel größer ist als das, was uns normalerweise im Alltag Entscheidungen treffen lässt.

...Fortsetzung folgt!

 

 

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