Tür #2 - eltern

December 2, 2019

 

 

Ein Buch über das Eltern, und darüber, dass Erziehung weniger mit Kindern zu tun hat, als wir denken.

 

Vor allem eltern wir uns selbst und dann uns alle gegenseitig.

 

Dieses Buch ist für Sie geschrieben, wenn Sie in ihrer Erziehung in Familie und Beruf an Grenzen stoßen oder wenn Sie spüren, dass ihre eigene Erziehung Wunden hinterlassen hat, wenn in ihnen Fragen zum Thema Erziehung brennen und wenn Sie den Wunsch und die Bereitschaft spüren, in ihrem eigenen Leben etwas zu verändern.

 

 

 

 

#1

 

Als in der 11. Klasse erstmalig das Fach „Erziehungs-Wissenschaften“ (Pädagogik) angeboten wurde, wählte ich es sofort dazu und freute mich riesig auf die erste Stunde. Seit ich mich erinnern kann, liebe ich Menschen und habe eine besondere Faszination für die Begleitung von Kindern ins Leben. Dabei waren mir als Kind die unterschiedlichen Erziehungsstile in unserem Dorf aufgefallen. Wer durfte wie viele Süßigkeiten essen, wer musste wann ins Bett, wer musste sonntags zur Kirche (und in welche der beiden Kirchen: evangelisch oder katholisch) und wer nicht... Ich stellte mir schon früh die Frage, wie man ein Kind denn wohl richtig erziehen könnte und hatte hohe Erwartungen an meinen Pädagogik-Unterricht, denn die Wissenschaft, die viele tausend Jahre zur Erforschung von Erziehung Zeit gehabt hatte, sollte wohl ein paar Antworten parat haben.

 

Hatte sie auch: ein paar... gegensätzliche, um es milde auszudrücken. In der Erziehungs-Wissenschaft nennt man das „Paradigmenwechsel“, wenn die neue (richtige) Denkweise eine alte (nicht mehr aktuelle und daher jetzt überholte) Denkweise abgelöst hatte.

Wenn man es „Paradigmenwechsel“ nannte, war es politisch korrekt,

ohne die alten Wissenschaftler als dumm darzustellen,

denn sie hatten ja ihrer Zeit gemäß das Beste versucht.

In der Schule versagte ich kläglich im Pädagogik-Unterricht. Obwohl mir das Lernen eigentlich nicht schwer fiel, lag ich mit meinen Antworten bei unserer Pädagogik-Lehrerin immer daneben. Mir leuchteten die Argumentationsketten nicht ein, die Theorien waren kompliziert und widersprüchlich. Ich sah nicht ein, in den Klausuren das zu schreiben, was als Antwort von mir erwartetet wurde. Ich hatte das klare Gefühl, dass ich den Kindern in den Beispielsituationen dann nicht gerecht werden würde.

Beispielsweise sollte erklärt werden, warum ein Kind immer weint, wenn es das Geräusch einer Brause hört. Die korrekte Antwort wäre gewesen, es mit Pawlows Hund zu erklären, klassische Konditionierung, mögliche frühkindliche Traumatisierung, weil es als Baby beim Abbrausen keine Luft bekommen hat, erinnert es sich nun immer bei dem Geräusch an die Luftnot und weint deshalb. Dass die Mutter oder der Vater vielleicht gestresst sind und gar keine Lust haben, das Kind zu duschen und das Kind deshalb weint, weil es die Emotion der Eltern spürt, war keine gültige Antwort. Auch nicht, dass vielleicht das Wasser nicht die richtige Temperatur hat oder dass der Wasserstrahl zu hart eingestellt sein könnte, gab keine Punkte. Usw.

 

So musste ich das Fach „Erziehungs-Wissenschaften“ bald wieder abwählen, um meinen Notendurchschnitt im Abi zu retten.

 

Verrückterweise war schließlich mein Abi ohne Pädagogik-Noten so gut, dass ich einen der wenigen umkämpften Diplom-Heilpädagogik-Studienplätze an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät zu Köln ergattern konnte. Ja, es brannte (vielleicht gerade wegen meiner Erfahrungen im Pädagogik-Unterricht) weiterhin etwas in mir, wissen zu wollen, wie wahre Erziehung geht, die dem Kind gerecht würde.

 

Im Studium wurde „Paradigmenwechsel“ zu meinem Lieblingswort! Ich fand es belustigend, wie viele Streithälse in ein und derselben Wissenschaft das jeweilige Gegenteil behaupteten und wie oft sich im Laufe der kurzen Geschichte der Pädagogik als westliche anerkannte Wissenschaft die gängige Lehrmeinung um 180° gedreht hatte... und immer noch drehte. Was gerade noch trendy in der Erziehungswissenschaft gewesen war, war ein Jahrzehnt später schon entlarvt als traumatisierender Erziehungsstil.

Am erstaunlichsten fand ich dabei, mit welcher Vehemenz die jeweils zeitgenössischen Pädagogen davon überzeugt waren, dass ihre aktuelle Lehrmeinung die beste, fortschrittlichste und einzig richtige sei, auch wenn die Geschichte zeigte, dass wahrscheinlich schon ein, zwei Jahrzehnte später dieses „Beste“ schon nicht mehr wissenschaftlich haltbar sein würde.

 

Wenn ich mir die steigenden Suizidraten und Diagnosen psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen anschaute, stellte ich mir die Frage, ob etwas mit unserem Erziehungssystem vielleicht nicht stimmte.

Könnte es sein,

dass die Erziehungs-Wissenschaften und unser Bildungs-System

an den wahren Bedürfnissen unserer Kinder vorbeigehen

und/oder sich den tatsächlichen Verantwortungen

noch nicht gestellt haben? 

Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, warum überhaupt von „Erziehung“ die Rede ist? Dieser Ausdruck gibt ja freundlicherweise Preis, worum es eigentlich geht: Am zu Erziehenden soll „gezogen“ werden – entsprechend der persönlichen, politischen, kulturellen oder religiösen Erziehungsideale.

 

Das kann nur schief gehen! Wer hat es gerne, wenn an ihm gezogen wird – und zwar in eine Richtung, die jemand anderer als er selbst vorgibt!?

 

Es wird schnell deutlich, dass bei Erziehung weniger das Kind sondern die Interessen der jeweiligen Erzieher oder erziehenden Institutionen im Mittelpunkt stehen.

In klaren Worten: Erziehung ist die Wissenschaft, Kinder auf eine Weise zu bearbeiten, dass sie am Ende an die Bedarfe der jeweiligen Familie, des Staates, der Kultur oder Religion angepasst sind.

 

Da sich die jeweiligen Bedarfe in ständigem Wandel befinden, gibt es so viele und schnelle Paradigmenwechsel in den Erziehungs-Wissenschaften. Es gibt also gar nicht die „richtige“ oder „falsche“ Erziehung, sondern schlichtweg unterschiedliche Ideale entsprechend der Umfelder, in welche die Kinder hineingeboren sind. Jede Kultur, jede zeitliche Epoche, jede soziale Schicht hat ihre eigenen Ideale, an welche das Kind angepasst werden soll.

 

Die Antwort auf meine Frage hatte sich geklärt. Ich musste nicht mehr nach der richtigen Erziehung suchen, sondern brauchte nur die jeweiligen Ideale des kindlichen Umfeldes zu studieren, die mir vorgeben, wie ich es zu erziehen hätte.

 

Welche Auswirkungen das auf unsere Babys, Kinder und Jugendliche hat, sehen wir in der Geschichte der Menschheit dokumentiert. 

 

Egal wie die Ideale durch die Geschichte hindurch jeweils verändert wurden, es blieben Ideale.

Kein Mensch passt in die vorgegebene Form eines Ideals.

Die Erziehungs-Wissenschaft ist voller Ideale und damit zum Scheitern verurteilt, weil sie nur vorgibt, für Menschen zu sein, und uns mit ihren Idealen in Wirklichkeit belastet. Kein Ideal wird jemals einem Menschen auf dieser Erde gerecht. 

Ist Erziehung vielleicht gar nicht für Menschen? 

Ist Erziehung in Wahrheit vielleicht immer schon gegen Menschen?

 

Es gibt heute, ca. 2020, bezeichnenderweise kein alternatives deutsches Wort, welches zum Ausdruck brächte, worum es in der Begleitung unserer Kinder in Wahrheit geht: Raum für sie zu schaffen und sie dahin zurück zu begleiten, wer und was sie schon sind.

 

Ich nenne es „eltern“:

Kinder in dem zu bewahren

oder dahin zurück zu begleiten,

wer sie wirklich sind.

 

 

...Fortsetzung folgt!

 

 

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