Intimität statt Befriedigung

July 29, 2018

 

Überall gesehen und selbst gelebt habe ich lange Zeit, dass es völlig normal ist, jemand anderen als seinen Partner sexuell attraktiv zu finden.

 

Ok, es mag Momente geben, in denen man das keinesfalls offen und ehrlich kommunizieren sollte, aber sich ausmalen wie es wäre wenn ...., das wird ja wohl erlaubt sein.

Die gelebte Tiefe und Intimität in meiner jetzigen Partnerschaft hat mich verstehen lassen, dass dies eben nicht egal ist, bzw. vor allem, welchen Preis man dafür zahlt.

Wenn ich nach außen schaue und den Typen mit dem vermeintlich noch knackigeren Hintern oder schöner bemuskelten Körper mehr oder minder offensichtlich anhimmele, vergleiche ich meinen Partner mit ihm, wobei mein Partner eindeutig schlechter wegkommt. 

 

Egal ob offen kommuniziert oder verheimlicht, wie unangenehm und verletzend muss es sich für meinen Partner anfühlen, so abgewertet zu werden?

 

Aber könnte es darüber hinaus sein, dass es darunter noch eine ganz andere, tiefere Schicht gibt?

Denn woher kommt der Impuls,

andere Menschen zu vergleichen und zu bewerten?

Findet eine Entwertung vielleicht zuallererst in mir selbst statt?

 

Entsteht durch den Mangel an Selbstwert ein Loch, welches durch meine Blicke zu anderen Männern gestopft werden soll?

 

Versuche ich den Mangel an echtem Selbstwert in mir durch das Bewerten meines Partners zu kaschieren? Frei nach dem Motto: „Angriff ist die beste Verteidigung!“.

 

Dieses Verhalten ehrlich anzuschauen fand ich ziemlich herausfordernd.

Es ließ sich nicht so leicht verdauen, dass ich mit meinem scheinbar belanglosen Verhalten das Entstehen wirklicher Intimität in meiner Partnerschaft untergrub - hätte ich doch Stein und Bein geschworen, mir mehr Intimität und Tiefe zu wünschen.

 

Fazit:

Mir die begehrlichen Blicke zu anderen Männern zu erlauben,

ist genaugenommen ein Freibrief zum Fremdgehen und zur Verantwortungslosigkeit, welchen ich mir selbst ausstelle.

Wenn ich so lebe, trage ich nämlich intensiv dazu bei, dass wir uns beide in unserer Partnerschaft mangels Intimität nie wirklich erfüllt fühlen werden und dass unsere Beziehung wahrscheinlich früher oder später in die Brüche gehen wird. 

 

Zur Erklärung: für mein Verständnis geht eine Beziehung bereits in die Brüche, wenn sich die Liebe nicht mehr vertieft und man beginnt, nebeneinander her zu leben. Eine Trennung macht das dann nur final offen sichtbar.

 

Wirkliche Intimität hingegen kann dann entstehen, wenn ich

  • mich ehrlich und verletzlich zeige und nicht hinter Schutzmänteln aus Idealen, Erwartungen und Bildern verstecke;

  • offen bin anzuschauen, warum mein Selbstwert so ist, wie er ist, und welche Baustellen es in meinem Leben gibt;

  • mich aufmache, diese Baustellen ehrlich anzugehen und Unterstützung dabei zulasse. 

 

Alles schön und gut, aber wie um alles in der Welt macht man das in einer Welt, in der man überall das Gegenteil präsentiert bekommt?

 

Für mich war der Knackpunkt, ehrlich anzuschauen in was für einem Ausmaß ich mich selbst verurteile, bewerte, Leistung von mir erwarte und mir dabei Ziele so stecke, dass ich nur scheitern kann. So war immer eine Portion Frust garantiert. Ein selbstgebauter Teufelskreis. 

Mit dem ehrlichen Anschauen meiner Selbstverurteilung

wurde mir dann bewusst, wie unproportional diese war.

Ich fokussierte mich immer auf die 2-5% in meinem Leben, die ich an mir kritisieren konnte und blendete den Rest komplett aus – und schaute alle anderen Menschen durch die gleiche Kritikbrille an. Ich begann, bewusster die anderen 95-98% anzuschauen und zu akzeptieren, dass ich genug bin, so wie ich bin. Das war der Schlüssel zur Veränderung im Umgang mit mir selbst und anderen. 

 

So, konnte ich auch anfangen, andere wirklich zu lieben und an mich heran zu lassen.

Die anderen mussten kein Loch mehr in mir auffüllen, indem sie etwas für mich taten

und wurden frei, sie selbst zu sein.

Das schaffte den Boden für wirkliche Intimität. Das gegenseitige Halten und Heben, welches so möglich wird, setzte der ständigen Suche nach etwas Besserem oder dem nächsten Kick immer mehr ein Ende und dauert bis heute an.

 

Das Getriebensein auf der Jagd nach kurzfristiger Befriedigung ebbt immer weiter ab. Stattdessen wächst eine tiefere Intimität und mit ihr ein Niveau an Stille, Zufriedenheit und Verbundenheit, das ich nicht für möglich gehalten hätte.

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