Leben mit der Diagnose "chronischer Krebs"

September 14, 2018

Foto © Alexandra Heneka

 

 

Der folgende Blog-Beitrag ist ein Interview mit einer Freundin, die ihren Umgang mit einer schweren Diagnose gefunden hat: Krebs, Stadium 4: chronisch, metastasiert.

 

Wir empfanden die Veränderungen und Erfahrungen so berührend und wertvoll für viele Menschen in ähnlichen Situationen, dass wir ein Interview geführt haben und es an dieser Stelle veröffentlichen.

 

Es sei darauf hingewiesen, dass etwaige positive Veränderungen im Leben unserer Freundin nicht nachweislich mit einer in dieser Praxis angewandten Therapie-Form in Zusammenhang stehen. Wir distanzieren uns ausdrücklich von einer solchen Aussage.

 

Felix und Michael Kremer

WER BIST DU?

 

Ich bin, 45 Jahre alt, alleinerziehende Mutter einer 10jährigen Tochter.

 

Im März 2017 erhielt ich die Diagnose Krebs, Stadium 4 (von 4). Für die Schulmedizin unheilbar, sie nennen es heute „chronisch“, um das Wort unheilbar zu umgehen. Ein Schock, aus dem Nichts, überwältigend, alles fesselnd, leichte bis schwere Panik, ein unfassbarerer Schmerz beim Anblick meiner Tochter. Krebs = Tod!???

 

Es folgte eine 6-wöchige Radiochemotherapie, Entfernung von drei Entzündungsherden im Kiefer, Ernährungsumstellung, radikale Stressreduktion. Parallel holte ich mir psychotherapeutische Hilfe.

 

Ende Juli folgte wieder eine komplette Untersuchung mit dem Ergebnis: Der Primärtumor ist massiv geschrumpft und wird wahrscheinlich ganz verschwinden und die Lebermetastasen sind weg! Dieses Ergebnis war für meine Onkologin so unglaublich, dass sie die Untersuchung ein zweites Mal durchführen ließ. Ja, es wurde erneut bestätigt. Nach dem zweiten Ergebnis sagte sie zu mir, es sei nur eine Frage der Zeit, bis alles wieder kommen wird.

WIE GING ES DIR VOR DER DIAGNOSE?

 

Aus heutiger Sicht ging es mir damals sehr schlecht, ohne es zu bemerken. Mein Alltag war durchgetaktet von morgens bis abends. Ich war Mutter und Vollzeit berufstätig (selbstständig), ich kam in meinem Leben gar nicht mehr vor, bei aller Liebe für mein Kind. Ich hatte eine enorme Kraft, dieses Leben über 10 Jahre so durchzuhalten. Ich suchte immer wieder nach kleinen Belohnungen in  Form von ein oder zwei Glas Wein am Abend, um irgendwie abzuschalten. Ein Restaurantbesuch oder kleine Wellnessurlaube waren nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Heute weiß ich, dass ich sehr viel unternommen habe, um nicht mit mir in Verbindung zu kommen, denn als Resultat hätte ich mein Leben ändern müssen.

 

Ich habe es mir in meiner Komfortzone bequem gemacht. Das bedeutet, dass ich mir jeden Tag aufs Neue tief sitzende fatale Glaubenssätze bestätigt habe, die zum Beispiel hießen: „Ich bin ganz alleine da.“ „Ich muss es alleine schaffen.“ „Ich kann niemandem vertrauen.“ „Ich muss durchhalten – egal, um welchen Preis.“ „Nur mit Leistung und Erfolg werde ich geliebt.“ Mit diesen Glaubenssätzen funktionierte mein Leben vermeintlich gut und bestätigte mir das Weltbild, das ich mir kreiert hatte. Darin zu leben, war bequemer, als dort auszubrechen, mit all den Veränderungen, die dieser Schritt bedeutet hätte. Der Verstand, die Stimme in meinem  Kopf, sagte immer wieder, dass das Leben so sein müsse und das Herz wurde übertönt. Ich wollte keinen Ausweg sehen, obwohl ich mich zunehmend erschöpft fühlte.

DIE DIAGNOSE: KREBS

 

Mit der Diagnose änderte sich dann mein Leben schlagartig. Es fielen viele Schuppen von meinen Augen, ich konnte endlich wieder fühlen. Die Konfrontation mit der Endlichkeit meines Lebens bescherte mir plötzlich ein schönes und reichhaltiges Leben.

 

Nach den ersten Tagen der Orientierungslosigkeit war der Alltags-Stress sofort weg, weil durch die Diagnose die Prioritäten ganz schnell an ihren rechten Platz gepurzelt sind. Mir war es wichtig, auch weiterhin zu arbeiten, um mich nicht die ganze Zeit mit der Krankheit zu beschäftigen und weil ich weiter Geld verdienen musste. Aber der Stress, der durch meine Arbeit auf mich einwirkte, prallte an mir ab.

 

Wenn man sich ernsthaft damit auseinandersetzen muss, vielleicht bald zu sterben, ist die Schönheit des Lebens so spürbar, dass ein Rauschen des Baumes, ein Vogel, der zwitschert, ein Sonnenauf- oder untergang ein so schönes Gefühl in mir auslöste und ich so friedlich wurde. In diesem friedlichen Zustand kam dann diese große, große Liebe – als erstes bemerkte ich sie meinem Kind gegenüber. Ich habe meine Tochter vorher auch geliebt, aber jetzt war die Liebe anders, intensiver und größer als alles andere. Ich fühlte aber genauso stark eine schmerzvolle Verlustangst, sie im Falle meines Todes alleine lassen zu müssen.

 

Auch die Menschen um mich herum waren plötzlich freundlich und mir zugewandt. Sogar die Menschen im Supermarkt und auf der Straße schauten mich freundlicher und liebevoller an, als wäre in mir eine Liebe frei geworden, die mir in meiner gesamten Umgebung gespiegelt wird. Ich war überwältigt von der Unterstützung aus meinem Umfeld - so viele Menschen boten plötzlich ihre Hilfe an und waren für mich und meine Tochter da.

 

In diesem, ich möchte sagen „aufgeweichten“ Zustand, holte ich mir auch professionelle psychotherapeutische Hilfe.

DAS WIEDER-LERNEN VON SELBSTLIEBE

 

Die folgende Zeit bescherte mir unglaubliche Erfahrungen und er